Turbulenzen, vermisstes Gepäck und Blütenkränze

nepal0021Draußen bellen ein paar Hunde. Sonst ist es still.
Wir sind angekommen. Ich sitze in meinem Zimmer im Hotel, das Pema leitet. Pema koordiniert die Hilfe für die Nepali Rotznäschen hier in Nepal.

Womit fange ich an?
Damit, dass Katmandu sonst alles andere als still ist?
Das Nepal jung ist? Jede Menge fröhlicher tobender Kinder in den Straßen, dazwischen immer wieder streunende Hunde, die sich irgendwo eingekringelt haben und schlafen, aber auch jede Menge junger Leute zwischen 20 und 30 Jahren, die zusammen sitzen, fröhlich sind, feiern, feilschen, Obst und Gemüse anbieten, Fleisch und Eier, Chips und Wasser, frisch gebratenes, frittiertes, gedünstetes direkt aus dem Topf in die Hand.
Erzähle ich, wie es hier riecht? Nach Curry und Kräutern, Ringelblumen und Weihnachtssternen. Wie Katmandu klingt?

Katmandu hupt

Katmandu hupt. Die Straßen sind eng, Lehmboden, Bodenwellen, Löcher, Bumps, oft gerade so breit, dass ein einziges Auto durchpasst. Oder ein Bus. Und zusätzlich noch Roller, Moppeds, Motorräder, Fahrräder – mit und ohne Licht. Fußgänger. Ein System, wer wann über die Straße darf, sich wo dazwischen mogeln kann, ist nicht zu erkennen. Man hupt und fährt drauf los. Auf den Rollern und Moppeds sitzen ganze Familien. Vater vorn, Mutter hinten, dazwischen die Kinder. Einen Helm trägt der Fahrer. Sonst niemand. Und irgendwie funktioniert es trotzdem. Tim hatte sich eigentlich vorgenommen, einen Roller zu mieten und damit Katmandu zu erkunden. Jetzt ist er nicht mehr so sicher, ob er sich in dem Chaos zurecht findet.
Viele Menschen tragen Mundschutze. Die Luft ist voller Staub und Sand, die kleinen Teile, die aus Schutt und Asche in die Luft gelangt sind. Ein Mundschutz schützt vor Husten, sagt Kabina.
Es gibt öffentliche Plätze, wo die Menschen ihre Wäsche waschen und zum Trocknen aufhängen, wo sie feiern, wo sie leben, ein Platz zum Waschen. Draußen. Mitten in der Stadt. Ein kleines Lagerfeuer, ein Feuer in einer Tonne oder zwischen Steinen, in einer gegrabenen Mulde am Straßenrand wärmt die, die sonst nirgends hin können.

Ab 18 Uhr wird der Strom nach Indien verkauft

Die Verkabelungen sind abenteuerlich. Ist das der Grund, warum manchmal einfach kein Strom da ist? Kabina erzählt, dass abends ab 18 Uhr der in Katmandu erzeugte Strom nach Indien verkauft wird.
Bei Pema im Hotel ist der Strom kein Problem. Sie hat eine Solaranlage auf dem Dach und ist damit unabhängig in ihrer Stromversorgung. Beim Abendessen gab es trotzdem Kerzenlicht. Kerzen auf den Tischen, Kerzen unter den Warmhalteplatten. „Kerzen machen glücklich“, sagt Pema. Gut, dass ich noch eine besonders schöne Kerze im Rucksack hatte.
Der Koch ist etwa halb so groß wie unser jüngster Mitreisender, Martin. Hier sind die Menschen alle etwas kleiner als bei uns.

In Kabinas Haus gibt es keinen Solarstrom. Da flackert das Licht. Ich hatte Kerzen im Gepäck. Duftkerzen, besondere Kerzen, Kerzen aus Bienenwachs. Gastgeschenke für die Damen. Das hat gepasst. Die Kerzen hatte ich im Handgepäck. Der Rest ist woanders. Ich war die einzige, die einen einzigen Koffer in der Gepäckausgabe gefunden hat. Erstmal. Morgen kommt vielleicht der Rest. Aber morgen kommen vielleicht gar keine Flugzeuge, sagt Pema. Dann vielleicht übermorgen. Wir werden sehen.

Viel ist da beim Erdbeben zusammen gefallen. Kabina und ihre Familie sind froh, dass sie ein Dach überm Kopf haben, ein Zuhause, in dem sie mit ihrer Familie, dem vierjährigen Sohn und ihrem Ehemann, Vater und Mutter leben kann. Heute waren ihre Schwestern da, ihr Neffe, eine Freundin, Freunde der Eltern. Und wir. Wir kamen zu sechst. Das Haus war voller liebevoller Umarmungen, Streicheleinheiten für jeden. Wir – also auch Tim und ich – gehörten dazu.

Tee mit Milch und Rum gegen alle Krankheiten der Welt

Es gab den typischen napalesichen Tee mit Milch und Zucker. Der erste Schluck war komisch. Inzwischen mag ich ihn. Und ich mag den Rum, der hier gebrannt wird. Der soll auch gegen alle Krankheiten der Welt helfen, sagt Adolf Nill, der ebenfalls zum Verein der Nepali Rotznäschen gehört. Seit Jahren trinken die Kirchentellinsfurter bei Ihren Nepalreisen diesen Rum und seit dem sei noch niemand krank geworden.

Unsere Gastgeber achten darauf, dass es uns gut geht, dass wir nichts essen oder trinken, was für westliche Verdauungssysteme nicht geeignet ist. Wasser gibt es nur aus Flaschen, kein ungeschältes Obst oder rohes Gemüse oder Salat. Auch Eier sind tabu.

Nepal ist eine komplett andere Welt.

Das Abenteuer fing eigentlich schon gestern an …

Wo ist mein Koffer?

„Wo ist mein Koffer?“ fragte Tim, als wir in Stuttgart am Flughafen angekommen sind. Alle Koffer, Reisetaschen, Rucksäcke waren da. Bis eben auf Tims. Wir guckten uns ratlos an. Wir hatten alle in das Auto geguckt, mit dem Joanna uns in Degerschlacht abgeholt hatte. Alle haben einstimmig gesagt: „Das Auto ist leer. Da ist nichts mehr drin.“
Joannas Freund war zu Hause geblieben. Den rief sie an. Er sollte doch bitte nochmal ins Auto gucken. Der Schlüssel läge auf dem Esszimmertisch. Ja, sagte er, da ist noch ein Koffer, holte den Schlüssel – und sperrte sich aus der Wohnung aus. Wir waren früh genug losgefahren, dass wir leicht darauf warten konnten, bis der Mann mit dem Koffer kam.

Ein Bier, „Wir sagen ‚Du‘ zueinander.“ Wir hatten alle Zeit der Welt. Der Flieger hatte schon in Stuttgart eine halbe Stunde Verspätung, rollte schließlich über die Landebahn. Eine schier endlos lange Landebahn. Gerade, als ich grade überlegte, ob der Pilot vielleicht doch über den Landweg mit dem Flugzeug nach Istanbul fahren wollte, hoben wir ab.
Und kamen schließlich nicht mehr runter.

Runter kommt man immer? Von wegen …

„Ich drehe schon seit Stunden hier so meine Runden …“ war der Song, der hier passte. Wegen des schlechten Wetters und Turbulenzen hatte der Pilot keine Landeerlaubnis bekommen. Draußen sah man die Hand vor Augen nicht und ich tröstete mich nur mit dem Gedanken, dass der Pilot wohl sicher ein Radargerät hatet, mit dem er ein auf uns zukommendes Hochhaus sicherlich bemerken würde.

Das Gute an der Situation: Wenn wir wegen der Witterungslage nicht landen konnten, konnte unser Anschlussflugzeug auch nicht starten.
In Istanbul musste alles ganz schnell gehen.
Und dann waren wir drin.
Beim Landeanflug in Katmandu konnte man den Himalaya sehen.

Im Flughafen herrschte das absolute Chaos. Menschenmassen ohne Ende, alles schubste und rempelte, Gepäckwagen hatten keinen Platz und an der Gepäckausgabe konnte man vor lauter Menschen das Band nicht sehen. Und als wir das Band dann sahen, sahen wir die Koffer nicht.
„not seen“ sagte der Officer und hatte Zeit. Sie hatten den Anschlussflug in Istanbul verpasst.

Die Koffer haben den Anschlussflug verpasst

Zeit hatten sie alle. Das Flughafenpersonal jedenfalls. Die Fluggäste weniger.
An jedem Schalter wurden sämtliche Einträge per Hand gemacht und alle Vermerke noch mal per Hand abgeschrieben. An dem Schalter, an dem wir unser Gepäck als „vermisst“ melden wollten, saßen Männer und Frauen, die sich freuten, sich zu sehen und miteinander plauderten. Vor uns waren zwei andere Passagiere. Wir warteten eine Stunde, bis die beiden abgefertigt waren.

Spannend war auch die Kontrolle, als wir aus dem Flugzeug kamen. Das Handgepäck musste durch einen Scanner, wir dann einzeln durch ein Scannertor, aber niemand war da, um zu kontrollieren, was die Scanner angezeigt haben.

„Gehen Sie einfach durch“

„Wenn du hier versuchst nach logischen Erklärungen zu suchen, hast du Pech gehabt, sagt Gabi Nill, die Vorsitzende der Nepali Rotznäschen.

Tim war bei der Suche nach einer Toilette durch die Zollkontrolle gelaufen. Der Zollbeamte wollte ihn nicht mehr zurück in die Gepäckausgabe lassen. Das sei nicht erlaubt, meinte er. Überlegte kurz und sagte: „Geh durch.“

Als ich mit meinem Gepäck durch die Zollkontrolle wollte, hatte ich den Gepäckabschnitt nicht mehr. Den hatten wir mit den anderen Belegen für unser vermisstes Gepäck beim Koffersuchdienst gelassen.
Ohne Gepäckschein dürfte ich mit diesem Koffer den Flughafen nicht verlassen. Ich durchsuchte alle Taschen, das Handgepäck, während Tim dann noch mal bei den Beamten suchte, die auch die übrigen Gepäck-Zettel hatten. Und dann sagte auch dieser Beamte: „Egal – gehen Sie einfach durch.“

Blütenkränze aus frischen Ringelblumen

Draußen standen unsere beiden Gastgeberfamilien und empfingen uns mit Blumenkränzen aus frischen Ringelblumen, die einen betörenden Duft verströmten.
Wir wurden alle in einen Bus verstaut und dann ging es los. Durch zerstörte Stadtteile, an einem heiligen Fluss vorbei und an schönen Dachgärten.
Angekommen.

Es geht uns gut hier.
(bitte auf die Bilder klicken, um sie größer zu sehen)

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